Anamorphotische Objektive für neue Medien

Anamorphotische Objektive für neue Medien

Warum überhaupt Anamorphoten?

Die Vorteile von anamorphotischen Objektiven sind zum einen das besondere Bildseitenverhältnis, welches sie durch eine verzerrte Projektion des Bildes auf den Sensor erzeugen. Entzerrt man das Bild in der Postproduktion, erhält man ein um den Stretch-Faktor des Objektivs breiteres Bild. In der Regel wird das Format als “cinematischer” wahrgenommen, weswegen die Objektive meistens in Spielfilmen eingesetzt werden, um das klassische Breitbildformat 2,4:1 zu erhalten. Die andere Besonderheit ist der charakteristische Look, der dem Bild verliehen wird. Anamorphoten werden für ihre Verzerrung der Bildränder, die ovale Form des “Bokehs” und die linienförmigen (meist bläulich gefärbten) Flares hoch geschätzt. Das Bild ist aus technischer Sicht weniger perfekt, aus filmischer Sicht sind diese charakterlichen “Fehler” jedoch sehr erstrebenswert. 

Mein Versuch, Anamorphoten für eine breitere Masse und für mehr Produktionen zugänglich zu machen, dreht sich vor allem um den Einsatz der Objektive an Kameras mit Videoaufnahme in 16:9, und der um 90° in der Objektivaufnahme verdrehten Montage, um das Bild nicht horizontal zu stauchen, sondern vertikal. Das daraus resultierende Bildseitenverhältnis ist dann bei einem 2x-Anamorphoten nicht 32:9 sondern 8:9, welches sich für die Produktion für neue Medien wie Instagram-Videos in 4:5 oder 9:16 eignet.

Warum nicht einfach die Kamera hochkant nutzen?

Filmkameras hochkant zu montieren ist die passende Lösung, wenn das einzige Format der Ausspielung 9:16 ist. Es gibt jedoch 2 Probleme: Oft wird ein Video bei Instagram auch für den Feed genutzt, wo es ein Seitenverhältnis von 4:5 haben soll. Wenn dieses Seitenverhältnis priorisiert ist, wird sehr viel Sensorfläche verschenkt. Dazu kommt, dass für verschiedene Seitenverhältnisse immer der Kompromiss getroffen werden muss, welches Format aus welchem herausgeschnitten wird. Will man nicht noch mehr Pixel verschenken, muss bei einer vertikal montierten Kamera die 9:16 Version oben und unten stark beschnitten werden, um die 4:5 Version zu erhalten. Problematisch ist dies, wenn beim Framing nicht darauf geachtet wurde, oben und unten im Bild viel Platz zu lassen und man ggf. Köpfe oder Füße abschneiden muss – denn das Bild sollte (um den Pixelverlust zu vermeiden) ausschließlich vertikal repositioniert (und nicht weiter skaliert) werden. Mit der Anamorphoten-Methode ist die 4:5 Version die Priorität und kann nachträglich seitlich abgeschnitten werden, um die 9:16 Version zu erhalten. Nach meiner Erfahrung ist horizontales Reframing einfacher und praktischer, als ein Vertikales.

Ein weiterer Nachteil der vertikalen Kameramontage ist, dass die meisten Kameras nicht für diese Produktionstechnik ausgelegt sind. Es gibt seitlich an den Kameras meist keine sicheren Montagepunkte, außerdem sind jegliche On-Screen-Menüs der Kamera stets um 90° gedreht. Das bereitet Umstände und kann Produktionsabläufe verlangsamen.

Dennoch muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Einsatz der Kamera im Hochformat auch angenehme Vorteile bringt, wie zum Beispiel den Einsatz von Autofokus-fähigen Objektiven und den geringeren Aufwand in der Postproduktion, da das Bild nicht erst entzerrt werden muss.

Sind Anamorphoten nicht super teuer?

Grundsätzlich ja. Diese Objektive sind relativ selten und werden in kleinen Stückzahlen hergestellt, daher strecken sich die Preise bei z.B. Arri oder Cooke teilweise bis über 40.000€ pro Brennweite, dementsprechend teuer sind die auch die Preise im Verleih. In jüngerer Vergangenheit werden Anamorphoten jedoch immer zugänglicher. Sirui bietet günstige Objektive ab 600€ an. Diese sind leider nicht vollformattauglich (die Optiken starten bei ca. 1000€) und lassen sich auch nicht im Mount drehen, da sie nicht für den PL-Mount erhältlich sind. Atlas Lens Co., Vazen, SLRMagic und Xeen sind aber neuere Hersteller, die hochwertige Linsen für unter 10000€ verkaufen. Die Objektive von Vazen sind diese mit einem Squeeze-Faktor von 1,8x auch für Vollformat ausgelegt und mit PL-Mount ausgestattet. Die Orion-Reihe von Atlas (2x Squeeze) lässt sich mittels eines Extenders ebenfalls auf Vollformat erweitern – allerdings mit dem Verlust von 1,3 Blendenstufen. Diese Anamorphoten sind durchaus in den Mieten erschwinglich und im Falle der Orions auch sehr gut verfügbar. 

Brauche ich überhaupt Vollformat?

Nein. Die Optiken variieren in ihrem Bildkreis natürlich stark, grundsätzlich genießt man aber im Falle der 90° gedrehten Produktionstechnik davon, dass auch die meisten S35-Objektive einen Vollformatsensor (bzw. den 16:9 Aufnahmebereich davon) zumindest in voller Höhe abdecken. Entzerrt man das Bild in die Höhe, vignettiert lediglich der Bildrand, was im 9:16 Crop keine Rolle mehr spielt und bei 4:5 eventuell zum Look beitragen kann, falls es überhaupt sichtbar ist.

Okay. Auf was muss ich achten?

Mount:

Wichtig ist, in der Vorproduktion zu entscheiden, welches Seitenverhältnis Priorität hat und welchen Look das Video haben soll. Präferiert man 4:5, sowie die Flares/Verzerrungen/etc der Anamorphoten, muss darauf geachtet werden, eine Kamera mit PL Mount bzw. Adapter auf PL-Mount zu nutzen. Darüber hinaus braucht die Optik auf der Seite des Bajonetts 4 Einkerbungen in den “Flügeln” des PL-Mounts. Bei einigen Objektiven ist hier nur eine Einkerbung vorhanden, die verhindert, die Optik im Mount um 90°/180°/270° zu drehen. In dem Fall ist es bei einigen Objektiven (z.B. den Service Vision Full Frame Anamorphoten) möglich, den Ring mit den Flügeln ab- und um 90° gedreht wieder anzuschrauben. Das setzt allerdings ein symmetrisches Schrauben-Muster voraus. 

Flares:

Wenn das Objektiv aufgrund des Flare-Verhaltens ausgewählt wird, muss beachtet werden, dass regulär horizontale Flares durch die Drehung natürlich vertikal im Bild verlaufen. 

Monitoring:

Die größte Herausforderung stellt das entzerrte Monitoring am Set dar. Diverse Monitore besitzen die Fähigkeit, das Bild für den Einsatz anamorphotischer Objektive in verschiedenen Squeeze-Faktoren (1,25x/1,33x/1,5x/1,8x/2x) zu entzerren. Bisher konnte ich keinen Monitor finden, bei dem ein Squeeze-Faktor von 0,5x eingestellt werden kann. Einen Workaround bietet entweder ein externe Videoscaler (z.B.ein AJA ROI) oder die Monitore von TVLogic, welche eine Einstellmöglichkeit für eine Custom Aspect-Ratio besitzen. Dort kann das Bild dann Manuell von 1920 auf 960 Pixel Breite eingestellt werden, welches dem Desqueeze-Faktor 0,5x (für einen 2x Anamorphoten) entspricht. Ein Videoscaler hat allerdings möglicherweise die Funktion, das entzerrte Bild um 90° auf dem Monitor zu drehen, um diesen hochkant zu nutzen und dadurch mehr Displayfläche bzw. ein größeres Bild zu bieten.

Es bietet sich außerdem an, Framelines für das 9:16 Format einzublenden, um sicher zu stellen, dass alle relevanten Inhalt auch in der dieser Version im Bildbereich sind. 

Postproduktion:

Das Entzerren der Footage in z.B. Adobe Premiere Pro ist relativ einfach. Der einfachste Weg ist im Effekteinstellungsfenster unter “Bewegung” die gleichmäßige Skalierung zu deaktivieren und die Footage manuell auf 200% Höhe (upsampling) oder 50% Breite (downsampling) einzustellen. Der gesamte Bewegungseffekt kann kopiert und auf die restliche Footage appliziert werden. Eine andere Variante ist, einen “Transformation”-Effekt als Quell-Effekt einzufügen. Hier kann außerdem die Sampling-Methode für ein leicht verbesstertes Ergebnis von Bilinear auf bikubisch gestellt werden. Der Effekt kann ebenfalls anschließend kopiert und im Projektfenster auf die gesamte Footage eingefügt werden. Der Vorteil ist, dass dadurch jegliche Footage weiterhin wie gewohnt über den Bewegungs-Effekt skaliert werden kann. Es kann allerdings passieren, dass einige Effekte wie z.B. die Verkrümmungsstabilisierung nicht richtig mit dem Scaling umgehen, weswegen diese Sequenzen zur Sicherheit vorher verschachtelt werden sollten.

Was für Setups sind möglich?

Hervorragende Frage. Grundsätzlich limitieren die Anamorphoten nur durch die Voraussetzung des speziellen Monitors. Problematisch ist das zum Beispiel auf einem Gimbal wie dem DJI RS2, der das Bild kabellos an ein Smartphone senden kann. Da dort das Bild nicht entzerrt werden kann, müsste hier auch zwingend ein Scaler zwischen die Kamera und den Transmitter geschaltet werden, der für zusätzliches Gewicht (und Strombedarf) auf dem Gimbal sorgt. 

Ich habe das 32 mm Orion von Atlas Lens Co. an einer Sony A7S3 auf einem DJI RS2 mit Gegengewichten balanciert bekommen, Da die Kombination inkl dem Monitor relativ viel wiegt, habe ich den Gimbal im “Underslung-Mode” an ein Easyrig gehangen. Fokus-Steuerung funktionierte über den Gimbal-eigenen Motor und das Steuerrad am Gimbal überraschend gut, Peaking am TVLogic VFM-058W war jedoch essentiell. Bei 32 mm bzw. 16 mm vertikal (durch den 2x Squeeze) ist aber natürlich auch selbst bei Offenblende T2 relativ viel scharf.

Beim Einsatz eines Kompendiums ist darauf zu achten, dieses ebenfalls hochkant zu montieren. Klemmkompendien eignen sich daher natürlich am besten. 

Im Einsatz als Schulterkamera gilt dasselbe wie für schwere sphärische Optiken: Die Rigs werden ziemlich schwer und erfordern daher oft entweder ein Easyrig oder wie in meinem Fall eine gefederte Stütze. 

Welcher Anamorphot ist der Richtige?

Es kommt wie immer darauf an, welcher Look angestrebt wird. Ich habe 3 verschiedene Optik-Reihen getestet: 

  1. Atlas Lens Co. Orion
  2. ServiceVision Scorpio FFA 
  3. P&S Technik Kowa Evolution

Jede dieser Serien hat ihre eigenen Vorteile und eigenständigen Look. Die Atlas Orions sind vermutlich das, was die meisten Menschen mit einem klassischen “anamorphic look” assoziieren würden. Leichte Verzerrung zu den Rändern, blaue Flares und ovales Bokeh. Letzteres ist allerdings erst bei den teligeren Brennweiten gut sichtbar. Die Optiken sind für Anamorphoten relativ scharf und technisch auf einem modernen Niveau. Insgesamt eine gute Mischung aus Charakter und Abbildungsleistung. Nachteil ist hier das Gewicht, denn die Optiken sind ziemlich groß und auch sehr schwer. Das 32mm auf einen DJI RS2 Gimbal zu balancieren, war nur mit Gegengewichten unter dem Kamerabody möglich und setzt mit Sicherheit eine Art von Support-System (Easyrig etc) voraus.

Die Scorpio Full Frame Anamorphics von ServiceVision sind dagegen eine völlig andere Art von Anamorphot: Der Look ist hier sehr minimal. Es gibt wenig Verzerrung, das Bild ist sehr scharf und Flares lassen sich nur mit viel Mühe erzwingen. Ich habe einen ¼ Black Pro-Mist Filter eingesetzt, um das Bild etwas weicher zu machen. Dafür, dass Vollformat abgedeckt wird, sind diese Objektive überraschend kompakt und leicht. Vollformat Abdeckung heißt aber auch nicht, dass die gesamte Fläche von 36x24mm des Sensors abgedeckt wird, sondern nur mindestens der 6:5 Crop (ca. 29x24mm), um desqueezed auf ein Seitenverhältnis von 12:5 bzw. 2.40:1 zu kommen. Interessant war bei den Objektiven, dass der Flansch des PL-Mounts an der Optik abgeschraubt und um 90° gedreht wieder angeschraubt werden muss, da es nur eine Position gibt, in der das Objektiv montiert werden kann. 

Bei den P&S Technik Kowa Evolution Anamorphoten handelt es sich um japanische Objektive aus den 1960er und 70er Jahren. Sie wurden von P&S Technik in ein modernes Gehäuse umgebaut und um ein 32 mm erweitert, wobei es sich meiner Auffassung nach um ein 40mm mit einem Weitwinkel-Frontadapter handelt. Ob die Lichtstärke von T2.4 dadurch tatsächlich noch erreicht wird, konnte ich leider nicht testen. Der Look ist bei diesen Anamorphoten das herausstechende Merkmal. Verzerrungen, Flares, Lightspills – all dies ist sehr stark ausgeprägt und definiert den Charakter der Linsen. Im Gegenlicht können die Flares auch schnell zu intensiv werden und das 32mm verzerrt so stark, dass mit Schwenks und anderen Kamerabewegungen höchste Vorsicht geboten ist. Vollformat wird ebenfalls nicht vollständig abgedeckt allerdings reicht es für die 90° verdrehte Montage aus. Beim 32mm und 4:5 muss ggf. minimal gecropt werden, um die starke Vignette nicht im Bild zu haben. Ebenfalls erwähnenswert ist, dass die Optiken für Cine-Objektive aber gerade auch für Anamorphoten (mit dieser Lichtstärke!) sehr leicht sind: Das 40 mm wiegt gerade einmal 1100g. Der Einsatz auf einem kleinen Gimbal wie dem DJI RS2 ist ohne Probleme möglich. 

Weitere Anwendungen

Während meinen Tests habe ich die Objektive auch in “normaler” Orientierung an einer Vollformat-Fotokamera genutzt, um die Sensorabdeckung besser einschätzen zu können. Dabei ist mir bei einigen Testshots das Format 3:1 ans Herz gewachsen, welches ein 2x Anamorphot auf einem 3:2 Sensor erzeugt. Dieses Panorama-Format eignet sich besonders für Landschaften, kann jedoch auch interessant für Portrait-Aufnahmen sein. Ich finde besonders spannend, wie Gesichtsausdrücke nah wirken und gleichzeitig um das Subjekt herum sehr viel Kontext abgebildet werden kann. Je nach Anamorphot hat der unscharfe Hintergrund eine charmante Textur, die beinahe wie ein Aquarell wirkt. 

Die sehr breiten Bilder finden auch in neuen Medien wie Instagram ihre Anwendung: Da die Profile aus 3 Spalten mit quadratischen Bildern bestehen, lassen sich 3:1 Kompositionen über 3 Postings verteilen und dem Profil damit einen außergewöhnlichen Look geben.

Der Workflow mit Foto-Raw-Dateien ist etwas komplizierter, da Fotobearbeitungsprogramme nicht darauf ausgelegt sind, das Bildseitenverhältnis zu ändern. Zwar ist dies in Photoshop sehr einfach und mit einem guten Interpolations-Algorhytmus (Preserve Details 2.0) möglich, allerdings verliert man die RAW-Bearbeitungsmöglichkeiten, da Photoshop keinen Export als .DNG oder ähnliches zulässt. Daher müssten die Bilder zunächst im squeezed-Seitenverhältnis bearbeitet und danach in Photoshop entzerrt werden. Ich habe die Methode genutzt, die Bilder in After Effects als RAW-Sequenz zu öffnen, um sie dort zu entzerren und auswählen zu können. Ich habe den Start-Timecode der Komposition auf die Nummer des ersten Bildes angepasst, sodass die Framenummer der Bildnummer gleicht. Die ausgewählten Frames habe ich dann in Camera-Raw bearbeitet und anschließend die Footage in After Effects neu geladen. Von Vorteil ist hier auch noch, dass per Einstellungsebene LUTs genutzt werden können.